Studienjahr 2024/25
Julia Schölzhorn
Masterarbeit
Eva Sollgruber
Typology: CultureHybrid

Die Zuteilung Südtirols an Italien nach dem ersten Weltkrieg und die Machtergreifung der faschistischen Partei war maßgebend für die Weiterentwicklung der regionalen Architektur im Land. Besonders gut lässt sich dieser faschistisch-rationalistische Einfluss an den Hotelbauten der Zwischenkriegszeit beobachten. Im Zuge der Italianisierung Südtirols entwickelte der bekannte mailändische Architekt Gio Ponti architektonische Gestaltungsprinzipien für Berghotels. In einem Dokument (Abbildung 1) vergleicht er die Merkmale des nouvo schema mit denen des schema non italiano, wobei er die Überlegenheit des nuovo schema andeutet. Dieses von Gio Ponti verfasste Dokument bildet den Diskussions- und Analyseschwerpunkt der Arbeit. Die Hypothese dieser Arbeit ist, dass bei einer genaueren Betrachtung Pontis Argumentation nicht haltbar ist.
Pontis Unterscheidungskriterien beziehen sich auf fünf architektonische Punkte: Erweiterbarkeit, Dach, Erschließung (Grundrisstiefe), Fassade (Aussicht und Orientierung) und Terrassen. In einem ersten Teil beschäftigt sich die Arbeit mit einer zeichnerischen Aufarbeitung und Untersuchung der Gestaltungsmerkmale beider Schemata anhand von acht Hotelbauten aus der Zwischenkriegszeit.
Besonders gut lassen sich die Merkmale des nuovo schema am 1935 von Gio Ponti geplanten Hotel Valmartello al Paradiso del Cevedale, kurz Hotel Paradiso, beobachten. Das einstige Luxushotel steht seit 1952 leer und verfällt mehr und mehr zur Ruine. Dieses Gebäude wird nach dem Analyseteil der Arbeit näher behandelt.
Im zweiten Teil dieser Arbeit wird der architektonische Dialog zwischen dem Ideal der funktionalen Architektur und der Realität des Verfalls untersucht. Dabei wird das Thema der Ruine im Kontext des Architekturdiskurses behandelt und auf die Geschichte des Hotels und dessen architektonische Besonderheiten eingegangen. Trotz des ruinösen Zustandes weist das Gebäude noch hohe gestalterische Qualitäten auf. Es stellt sich also die Frage, wie man mit Bauwerken umgeht, die einerseits Ausdruck der italienischen Moderne sind, andererseits jedoch auch als Symbole der faschistischen Okkupation Südtirols gelesen werden können.
Der dritte Teil dieser Arbeit konzentriert sich auf eine architektonische Adaption des Hotel Paradiso, wobei die ursprüngliche Nutzung des Hotels beibehalten und um die Funktion eines Museums ergänzt wird. Die Adaptierungen stützten sich auf die fünf Kriterien, die Gio Ponti zur Klassifizierung des schema non italiano und des nuovo schema heranzog. Diese werden entwerferisch interpretiert, in Frage gestellt, sowie durch den Aspekt der Ruine inspiriert.
Das Ziel des Entwurfs ist es, einen Raum zu schaffen, der sowohl die Geschichte des Gebäudes als auch das Gebäude selbst erlebbar macht. Außerdem sollen durch respektvollen Umgang mit der Bausubstanz die architektonischen Potenziale des Bestandes erkannt und hervorgehoben werden. Dabei wird einerseits der rationalistische Ausdruck des Bestandes in Frage gestellt, andererseits wird der Bestand als wertvolles Artefakt der italienischen Moderne klar erkennbar bleiben.